Selbsterfahrung im Rollstuhl

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Einmal pro Ausbildungslehrgang organisiert die Kathi-Lampert-Schule für Sozialbetreuungsberufe gemeinsam mit dem ÖZIV Bregenz einen Selbsterfahrungstag im Rollstuhl.

Text: Studierende der Kathi-Lampert-Schule Fotos: ÖZIV Vorarlberg

Dazu bekommen die Studierenden einen konkreten Auftrag, den sie zu erfüllen versuchen. Zum Abschluss finden sich alle TeilnehmerInnen beim ÖZIV – der die Rollstühle zur Verfügung stellt – ein, um Erfahrungen auszutauschen und das Erlebte zu reflektieren.

Lesen Sie hier die interessanten Erfahrungsberichte der Studierenden:

„Der Tag heute in Bregenz hat mir sehr gut gefallen. Es war eine tolle Selbsterfahrung, ein paar Stunden mit dem Rollstuhl unterwegs zu sein und die Aufgaben zu meistern. Ich konnte für mich als Lernerfahrung mitnehmen, wie sich Menschen in der Umgebung von RollstuhlfahrerInnen verhalten, und die Auswirkungen von Barrieren in Gebäuden wie z.B. in der Landesbibliothek durfte ich ganz eindrücklich erleben. Auch in öffentlichen Gebäuden, wie in der Bezirkshauptmannschaft, sind die Informationstresen so hoch, dass sich ein Rollstuhlfahrer gar nicht bemerkbar machen kann, ohne laut zu rufen. Eine weitere Erfahrung, die ich durch den ganzen Tag hindurch verspürte war, dass es bei der Rollstuhlauswahl sehr wichtig ist, diese individuell auf den Menschen anzupassen.

Das Wetter, die Kälte, wenn man seine Füße nicht bewegt, werde ich nicht mehr unterschätzen.“

Danke für die spannende Selbsterfahrung
Gabl Sabrina

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„Wir hatten den Auftrag, den Seeweg und das Festspielhaus zu erkunden. Anfangs war ich ein wenig unsicher und ängstlich, zum ersten Mal in einem Rollstuhl zu sitzen und mich in die Situation hinein zu fühlen. Nach einer Weile verging meine Unsicherheit, und mir wurde bewusst, wie schwer es eigentlich ist, sich selbstständig mit einem Rollstuhl fort zu bewegen. Es braucht wirklich viel Kraft und Geduld, man wird automatisch entschleunigt. Am See entlang, im Restaurant am See, sowie im Festspielhaus ist alles barrierefrei. Die Schiffsfahrten und das dazugehörige Infocenter sind auch barrierefrei. Richtung Stadt Bregenz, vor allem bei vielen Geschäften (Eingang, Zwischenräume) sind Barrieren vorhanden. Der Platz in den Restaurants ist oft zu eng und bei manchen besteht aus Platzmangel keine Möglichkeit die Toilette aufzusuchen. Ich habe mich im Rollstuhl nicht so wahrgenommen gefühlt. Wenn ich etwas gefragt habe oder wollte, sah man Barbara, meine Begleiterin an, oder man gab ihr das gewünschte Produkt. Das fand ich nicht sehr wertschätzend. Ich wollte, dass man MICH sieht, nicht nur den Rollstuhl. Mir wurde das Gefühl vermittelt, keine eigenständige Person zu sein. Ich bin es gewohnt, dass mich die meisten Menschen grüßen, aber im Rollstuhl war das nicht so. Das fehlte mir als Rollstuhlfahrerin. Es gab auch sehr freundliche und hilfsbereite Menschen, das freute mich sehr! Alles in allem waren es spannende, lehrreiche Erfahrungen, und ich finde es von großer Wichtigkeit, so eine Erfahrung zu machen und dadurch ein Bewusstsein anderen zu vermitteln. Danke für diese Möglichkeit, so tolle Erfahrungen machen zu können.“

Herzliche Grüße
Tanja

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„Unsere Aufgabe war es mit dem Bus nach Lochau zu fahren und dort im Gemeindeamt nachzufragen, welche Bedingungen es gibt, um eine barrierefreie Sozialwohnung zu mieten. Das Gemeindeamt Lochau war barrierefrei und wir bekamen auch gleich Auskunft von der zuständigen Person. Sie informierte uns, es gäbe nur 2 barrierefreie Sozialwohnungen in ganz Lochau und diese seien bereits vergeben. Die Sozialwohnungen sind in den ehemaligen Südtirolerwohnungen (Altbau) untergebracht – deswegen gibt es kaum barrierefreie Sozialwohnungen. Sie teilte uns auch mit, dass man für diverse Umbauten ansuchen muss. Uns schockierte es zu hören, dass es insgesamt nur zwei Wohn­ungen in Lochau gibt, die dieses Kriterium erfüllen.“

Sandra Peschl

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„Wir sind über die 3 Stufen beim Eingang zum Second-hand-Laden „Siebensachen“ mit viel Krafteinsatz hineingekommen.
Drinnen waren die Verkäuferinnen sehr nett und haben uns gleich angeboten, auch die Kleider Abteilung im oberen Stockwerk anzuschauen. Dafür hat sie uns einen Lift im hinteren Teil des Geschäftes angeboten und uns gesagt, wir können dann über den Hintereingang auch wieder hinausgehen. Auf meinen Hinweis, dies doch am Eingang anzuschreiben, kam die Antwort, dass dies zu kompliziert sei. Ich frage mich, was da kompliziert sein soll, denn der Eingang befindet sich einfach nur ums Eck am hinteren Teil des Geschäftes. Als ich meiner Kollegin, die im Rolli war,
High Heels zeigte, meinte die Verkäuferin ganz trocken:
„Die kannst du gut anziehen, dir tun die Füße ja nicht weh in diesen Schuhen, du kannst ja nicht laufen“.

Im Kaufhaus GWL wollten wir dann das Behindertenklo benutzen, dies gestaltete sich als sehr schwierig. Zuerst fragten wir in einem Modegeschäft nach dem Schlüssel. Die Verkäuferin hat uns dann berichtet, dass sie diesen wohl mal hatte, er jetzt aber nicht mehr bei ihnen deponiert sei. Wir sollen beim nächsten Geschäft fragen. So gingen wir zu 3 (!) weiteren Geschäften, aber keiner wusste etwas von einem Schlüssel. Alle waren aber sehr nett und meinten, es sei eine gute Frage und sie werden sich informieren.
Als die Verkäuferin im ersten Geschäft bemerkte, dass wir immer noch auf der Suche sind, kam sie auf uns zu und bot uns an, den Hausmeister anzurufen. Dieser sagte sein Kommen zu. Wir sollen vor der Toilette auf ihn warten. Erstmal ging er in guter Entfernung an uns vorbei. Später kam er um uns zu sagen, dass er den Schlüssel holen muss.
Eine Weile später kehrte er zurück und hat die Rolli-Fahrerin gleich mal gefragt: „Wer bist du, von wo kommst du und wieso hast du keinen Schlüssel?“ Dies alles in einem sehr forschen und aggressiven Ton. Wir versuchten uns zu rechtfertigen. Er hat sich aber auf keine Diskussion eingelassen und uns klar erklärt, dass wir einen Schlüssel haben müssten und dass es so nicht geht. Erst als wir noch einmal baten, dass er uns die Türe aufsperrt, machte er es widerwillig. Bis dahin sind 25 Minuten vergangen. Als meine Kollegin dann auf der Toilette war, ging die Diskussion weiter. Er hat mich angepöbelt, wieso wir keinen Schlüssel haben. Auch ein Passant mischte sich ein und hat ihm gesagt, dass es Toiletten gibt, die nicht versperrt sind und man in einem Kaufhaus wohl einen Schlüssel haben kann. Daraufhin ging er dann weg, Gott sei Dank.“

Bianca und Nina

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„Grundsätzlich fühlte ich mich recht wohl im Rollstuhl. Allerdings wusste ich, dass es nur für eine begrenzte Zeit ist und zudem hatte ich die ganze Zeit eine kompetente und vertraute Unterstützerin an meiner Seite. Die Menschen, die uns entgegen kamen, waren fast alle sehr freundlich und hilfsbereit.

Allerdings war es für mich ein unangenehmes Gefühl, so zu tun, als ob ich eine Gehbeeinträchtigung hätte. Wir hatten den Auftrag eine Zugfahrt zu machen und den Wochenmarkt zu besuchen. Wir kamen in Dornbirn mit dem Zug an. Alles verlief problemlos.

Auf dem Wochenmarkt bekam ich nur die Tulpen und Rosen zu sehen. Die anderen Verkaufsartikel waren nicht auf meiner Augenhöhe.
Im Lebens-Art (Verkaufsladen der Lebenshilfe) war die Verkäuferin sehr nett und sie wollte gerne die Waren von ihrer Kollektion verkaufen. Aber mein Rollstuhl hatte im Geschäft keinen Platz. Die Regale versperrten den Durchgang so, dass ich nicht durchfahren konnte. Eine sehr eigenartige Erfahrung.“

Benedikte

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