Zu Besuch im Pflegewohnhaus

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Alter und Pflege, Pflege und Behinderung, Integration und Inklusion – ein paar Begriffe purzeln durcheinander und wir wollten ein wenig eintauchen, verstehen und lernen. Text: Elisabeth Weber, Foto: Adobe Stock

Interviewpartnerin Margaretha Klug, Gesundheits- und Krankenschwester

Eigentlich wollten wir im Pflegewohnhaus Baumgarten in Wien 14 unterschiedlichen Fragen nachgehen: beispielsweise wie viele Menschen mit welchen Behinderungen hier wohnen. Wollten erfahren, wie sich das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen gestaltet und auch verstehen, welcher Behinderungsbegriff vorherrscht und wie sich jener in der Haltung der verschiedenen Berufsgruppen, vor allem des Pflegepersonals, widerspiegelt.

Es hat sich jedoch herausgestellt und uns auch die Augen geöffnet, dass die Fragen nicht eindeutig zu beantworten sind bzw. hat sich das Gespräch etwas anders – sehr praxisnahe – entwickelt.

Unsere Interviewpartnerin war Frau Margaretha Klug, ausgebildete Gesundheits- und Krankenschwester. Sie ist seit 1990 in der Geriatrie tätig und leitet jetzt eine von zwei Demenzabteilungen im Pflegewohnhaus Baumgarten in Wien 14. Sie ist eine erfahrene, sehr lebendige Frau. Ihre Schilderungen des Pflegealltags haben uns ein umfassendes Bild vermittelt.

Tauchen Sie mit uns ein, in diese Erzählungen die teilweise auch unsere Vorstellungen in Frage gestellt haben. Die Schilderungen von Frau Klug zeigen einen Alltag im Pflegewohnhaus, der sich auf den individuellen Menschen konzentriert und den Begriff „Behinderung“ weitgehend außen vorlässt:

„Man findet nur vereinzelt Menschen mit Behinderungen in den Pflegeheimen, wie auch in unserem Pflegewohnhaus. Wir haben wenig Neuzugänge.
Heute sind wir mehr mit MS- (Mulitple Sklerose) und WachkomapatientInnen konfrontiert. Aber auch hier: da es eine Wachkomapatient­Innenstation im SMZ-Ost gibt, haben wir derzeit im Haus „nur“ einen jungen Mann, der sich im Wachkoma befindet. Heute gibt es – im Gegensatz zu den 60/70-iger Jahren – spezielle Wohnplätze und bedarfsgerechtere Lebensformen, wie Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderungen.

Wenn ich beim Menschen bleibe, tu ich mir mit dem Akzeptieren der Unterschiedlichkeiten leicht 
„Wir konzentrieren uns nicht auf den Begriff BEHINDERUNG. Für uns steht die große Frage darüber: Was braucht dieser Mensch jetzt? Wir betreuen hier Menschen, die alle selbstfürsorgebeeinträchtigt sind. Wenn ich beim Menschen bleibe, tu ich mir mit dem Akzeptieren von Unterschiedlichkeiten leicht bzw. hat die Ursache für die Unterstützungsbedürftigkeit keine Relevanz mehr.“

Wir stellen Frau Klug eine Zwischenfrage: Was halten Sie von dem Statement
„Ich bin nicht behindert, ich werde behindert“:
„Das erscheint mir scheinheilig. Barrieren abbauen, ja, doch die Behinderung bleibt trotzdem bestehen. Dies nicht zu akzeptieren, kann eine Überforderung der Menschen mit Behinderungen sein. Pflege heißt: Es besteht Betreuungs- und Pflegebedarf, ob der Mensch eine Behinderung hat oder nicht, ist für uns weitgehend irrelevant. Alle sind bei uns, weil sie – auch wenn das jetzt schroff klingt – nicht alltagstauglich sind, also die Fähigkeit den Alltag selbständig zu bewältigen, verloren haben.
Ich möchte den Begriff BEHINDERUNG so definieren: Menschen mit Behinderungen brauchen Unterstützung für ein alltagstaugliches Leben, sei das nun Pflege oder ein Hilfsmittel – Barrierefreiheit muss gegeben sein.“

Grenzen individueller Betreuung
Ein Beispiel: Auf unserer Station lebt eine 60jährige Frau mit Enzephalitis (Gehirnentzündung). Es gab keine andere Einrichtung für die Dame. Sie wurde von ihrem Vater betreut bis er nicht mehr dazu in der Lage war. Natürlich wäre es von Vorteil, wenn wir mehr Fachwissen hätten, was einzelne Erkrankungen bzw. Behinderungsformen betrifft. Doch wir haben nicht ausreichend Personal, um spezielle individualisierte Programme zu erstellen. Das will sich unsere Gesellschaft scheinbar nicht leisten.

Human – psychosozial – barrierefrei – im Rahmen?
Wir müssen und wollen uns dem Menschen anpassen. Wir sind so froh, in ein weitgehend barrierefrei gebautes Haus gezogen zu sein. Das war schon mehr als überfällig, für uns, für die BewohnerInnen, fürs Miteinander und vor allem für die Betreuungsqualität. Ihre Frage, ob auch alle BewohnerInnen in alle Freizeitaktivitäten integriert sind, will ich so beantworten: Nein, nicht immer. Manche Menschen sind bettlägrig und wir haben im Aufenthaltsraum nicht für alle Betten Platz. Aber wichtig erscheint mir zu erwähnen, dass manche alte Menschen und v.a. Demenzerkrankte auch überfordert wären. Wir wollen nicht zwangsaktivieren, denn so könnten wir Schaden anrichten. Wir müssen und wollen uns dem Menschen anpassen. Manche Aktivitäten kosten den Menschen so viel Kraft, dass kaum mehr Energie für Freudiges übrigbleibt. Da helfen wir auch schon mal bei der Pflege, auch wenn es nicht immer 100%ig notwendig wäre. Doch der Gewinn ist, dieser Mensch hat dann z.B. noch die Kraft zu malen oder einen kleinen Spaziergang zu machen.

Ah, Stichwort „Spaziergang“: Wir haben hier auf der Demenzstation einen sogenannten baulichen Rundgang. Der kommt dem Bewegungsdrang der BewohnerInnen sehr entgegen. Man kann sie nach „Wr. Neustadt gehen lassen“ und muss sie nicht zurückholen. Sie kommen sicher wieder. Das bedeutet mehr Freiheit für manche BewohnerInnen.

Beim Menschen und seinen Stärken sein
Wir haben einen humanistischen Ansatz und ein psychosoziales Menschenbild. Unser aller Auftrag ist: Hinschauen, was braucht sie oder er. Am Anfang des Aufenthaltes viel Zuschauen, gewähren lassen, um zu lernen und zu spüren, was der Einzelne/die Einzelne braucht. Das ist unser Auftrag, doch leider können wir nicht immer so danach handeln, wie wir gerne würden. Da gibt’s den Faktor Zeit eng verbunden mit den vorhandenen Ressourcen. Ja, wir wollen beim Menschen sein und bemühen uns drum und ja, wir haben dafür leider wenig Personal! Abschließend möchte ich noch ein paar Wünsche und Hoffnungen äußern, aber auch erwähnen, womit wir zufrieden sein können:

Unser Haus ist ein offenes – durch und durch
Wenn wir von der Tatsache absehen, dass ein Pflegewohnhaus immer etwas von einem Inseldasein bedeutet, so kann ich sagen, unser Haus ist immer und für Alle offen. Diese Offenheit hat auch viel mit unserer Führung zu tun. Sie bietet den Rahmen dafür. Es gibt im Haus immer wieder Besuche, wie Exkursionen von FachsozialbetreuerInnen, Fernsehteams (Projekt von StudentInnen über WachkomapatientInnen) und Fotoausstellungen. Diese Offenheit überträgt sich auch auf unsere Arbeitszufriedenheit und Spielräume.

Wir wären gern sichtbarer und „mitten drin“
Aber natürlich gibt es auch Wünsche und Visionen: Wäre das Wohnhaus auf einem Hauptplatz gelegen, so könnten wir uns mehr mit der Nachbarschaft zusammentun, vielleicht kleine Festln im Freien veranstalten, um uns sichtbar zu machen und derart aus der „Ghettoisierung“ rauszukommen. Kleinere Einheiten mit mehr Wohncharakter (Wohnzimmer) wären genial und wenn sich dann noch Altersgruppen und demente und nicht demente Menschen mischen, das ist aus heutiger Sicht fast schon Luxus. Doch für einen derartigen – und vielleicht könnte man da schon sagen, für einen Inklusionsprozess sind wesentlich mehr Ressourcen vonnöten und auch ein Umdenken in der Gesellschaft.

Wir brauchen mehr Pflegekräfte – das ist ein altes Thema
Dann wäre ich noch glücklich mit drei zusätzlichen Pflegekräften. Somit könnten wir ein Ausbrennen der MitarbeiterInnen verhindern, hätten mehr Reflexionsmöglichkeiten, mehr Fallbesprechungen (wer reagiert wie bei wem) und hätten mehr Ressourcen für die Umsetzung von Validation und anderen Betreuungskonzepten. Uns und den BewohnerInnen wäre zusätzlich geholfen, wenn durch eine Monatsüberschneidung die Erfahrungen von angehenden PensionistInnen an neue KollegInnen weitergegeben werden könnte. Die Kosten, die verursacht würden, würden sich rechnen. Da bin ich mir ganz sicher.“

Vielen Dank für das Interview, das im Juni 2017 geführt wurde.

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