Ein Leben für Sport und Familie

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„Die innige Beziehung zwischen Vater und Sohn ist absolut greifbar. Leo beginnt einen Satz und Nicolas beendet diesen. Ein perfekt eingespieltes Vater-Sohn-Team.“

Seit 28 Jahren sitzt Leo Eckerl im Rollstuhl. Sport war immer schon ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Sein Unfall hat daran nichts geändert. Er blickt auf die positiven Seiten des Lebens.
Text: Hansjörg Nagelschmidt, Fotos: Hansjörg Nagelschmidt & Privat

Es ist der bisher heißeste Tag in diesem nicht gerade kühlen Sommer. Ich treffe Leopold Eckerl kurz vor Dienstschluss in seinem Büro in der Bezirkshauptmannschaft Tulln. Das eindrucksvolle Gebäude am Hauptplatz kann mit einer bewegten Geschichte aufwarten. Ursprünglich stand an dieser Stelle die älteste Badestube in Tulln, später ein „Körnerkasten“ und zwischen 1796 und 1891 das „K.K. Salzamt Tulln“. Die Errichtung des heutigen Gebäudes erfolgte schließlich 1891 in angeblich nur 6-monatiger Bauzeit. Im Internet lerne ich weiter: Das Gebäude ist dem Palais von Erzherzog Eugen Viktor am Wiener Schwarzenbergplatz nachempfunden „und repräsentiert daher den Wiener Ringstraßenstil in Tulln.“

Das Glas ist zumindest halbvoll
Mein erster Eindruck verfestigt sich in den kommenden zwei Stunden: Leo – so wird er von den meisten Freunden genannt – ist ein sehr positiver Mensch. Als Antworten auf so gut wie alle Fragen kommt Positives. Er sieht stets das Gute, die vielen kleinen Verbesserungen für Menschen mit Behinderungen – ein klassisches Beispiel für „das Glas ist zumindest halbvoll“. Den Satz „das ist heute alles viel besser als früher“ sagt er in unserem Gespräch recht häufig. Im Laufe unserer Unterhaltung erfahre ich viel über das Leben von Leo, das sich in erster Linie um 3 Prioritäten dreht: seine Arbeit, die Familie und natürlich den Sport.

Abwechslungsreich verlief Leos berufliche Laufbahn. Der gelernte Installateur trat 1983 eine Stelle als Haustechniker bzw. Installateur im Krankenhaus Gugging an. Seinem Autounfall im Oktober 1988 folgten 7 Monate REHA – und ab Juli 1989 der Wechsel in einen Büro-Job im KH Gugging. Sein gutes Verhältnis zu den KollegInnen im Krankenhaus änderte sich durch den Unfall „NULL“, so Leo. Als „Fußballer“ war er im gesamten Team bestens vernetzt – das habe ihm später sehr geholfen, meint er. Eine große Stütze während der Reha-Zeit waren natürlich auch seine Eltern und Geschwister. Sie haben Leo auf seinem Weg positiv begleitet und waren auch später bei Leos Sportaktivitäten sehr oft dabei – doch dazu mehr weiter hinten im Text.

Bezirkshauptmannschafft Tulln

Unterstützt durch Weiterbildungsmaßnahmen und Umschulung durch seinen Arbeitgeber beschäftigte sich Leo für einige Jahre mit Steuerungstechnik und Schaltplänen. Später wechselte er in die „Patienten-Administration“, wo die versicherungstechnische Datenerfassung der PatientInnen zu seinen Hauptaufgaben zählte. Nach der Schließung des Krankenhauses Gugging im Jahr 2007, setzte er diese Tätigkeit im Landesklinikum Tulln fort. Sich auf neue Herausforderungen einzulassen, hat Leo mit seinem „Sportsgeist“ nie geschreckt, sondern angespornt. Das Verständnis des Arbeitgebers sowie die Unterstützung durch die KollegInnen waren jedenfalls wichtige Faktoren auf Leos beruflichen Weg.

Zwei wie Pech und Schwefel
Dass er 2011 schließlich zur BH Tulln wechselte, hatte in erster Linie einen privaten Grund: Sohn Nicolas war damals 1 Jahr alt und Leo wollte möglichst viel Zeit mit ihm verbringen. Die Wochenend-Dienste im Krankenhaus waren da nicht so optimal. Die gemeinsame Zeit mit dem Sohnemann hat sich jedenfalls gelohnt – Nicolas stößt später zu unserem Gespräch dazu und kennt (fast) alle Details zu den sportlichen Aktivitäten seines Vaters. Die innige Beziehung zwischen Vater und Sohn ist absolut greifbar. Leo beginnt einen Satz und Nicolas beendet diesen. Ein perfekt eingespieltes Vater-Sohn-Team.

Seit 2013 werkt Leo nunmehr in der Stabstelle Verwaltung der BH Tulln, davor war er in der Sozialabteilung auch für Mindestsicherungs-BezieherInnen zuständig. Die Geschichten der Betroffenen seien manchmal ganz schön belastend gewesen, aber es gab auch immer wieder schöne Erfolgserlebnisse, wenn Hilfe möglich war. „Ich habe da einiges gesehen und kann nur sagen: ein gutes Sozialsystem ist sehr, sehr wichtig!“, resümiert Leo seine Erfahrungen aus dieser Zeit.

Was die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen betrifft, sieht er den öffentlichen Dienst nach wie vor einer Vorreiterrolle. In der BH Tulln arbeiten einige Kolleg­Innen mit recht unterschiedlichen Behinderungen. „In der Privatwirtschaft wird oft lieber die Ausgleichstaxe bezahlt“, meint Leo. Oft aus Bequemlichkeit und es herrsche auch Unwissen und unbegründete Angst bei Unternehmen – beispielsweise in Bezug auf Kündigungsschutz.

Es lebe der Sport!
In Leos Freizeit spielte Sport – wie zuvor erwähnt – immer schon eine sehr wichtige Rolle. Ich bin deshalb nicht überrascht als mir Leo erzählt, dass er sich schon in seiner REHA-Zeit intensiv am Rollstuhl-Basketball-Training beteiligt hat. Der sportliche Ehrgeiz brachte seinem Team „Sitting Bulls“ – Leo ist eines der Gründungsmitglieder – auch viele Erfolge und Preise ein. Bis vor einigen Jahren spielte er auch im österreichischen Nationalteam – mit besonderer Freude erinnert sich Leo an einen Sieg über Deutschland bei der Europameisterschaft in Frankreich Anfang der 90er Jahre. Quasi das „Cordoba“ des österreichischen Rollstuhl-Basketball!

Leo bei der Europameisterschaft in Frankreich

Früher hat Leo drei Mal pro Woche trainiert, heute schraubt er ein wenig zurück. Aber er spielt immer noch gerne in der Meisterschaft mit. „Über die Jahre sind auch wirklich gute Freundschaften durch den Sport entstanden.“, erzählt Leo. Sohn Nicolas kennt die Sport-Kollegen jedenfalls alle. Zusätzlich zu Basketball spielt(e) Leo auch Tennis, ging Schifahren und Schwimmen. Und wenn ich ihm so zuhöre, kann ich mir nicht vorstellen, dass er diese Sportarten mit weniger Einsatz betrieben hätte. „Alles zusammen ist das aber etwas zeitintensiv.“, schmunzelt er.

Schließlich sind zeitlich auch noch andere Freizeit-Aktivitäten, die meist an der frischen Luft stattfinden, unterzubringen. Die Pflege des großen Gartens mit den 4 Garten-Katzen sowie des Schwimm-Biotops mit Fischen, Fröschen und Libellen beispielsweise. Oder die Betätigung als Grillmeister – gemeinsam mit dem Sohn. Oder die Besuche der Winnetou-Spiele am Wagram – ebenfalls mit Nicolas. Oder Ausflüge an verschiedene Seen in Österreich. Teamwork spielt dabei eine große Rolle – und so ist es Leo sehr wichtig auf den großen Anteil, den seine Frau Michaela bei der Realisierung all dieser Aktivitäten leistet, unbedingt hinzuweisen. Langeweile kommt bei den Eckerls jedenfalls nie auf.

Leo mit seinen Rollstuhl-Basketball-Teamkollegen

Viele Verbesserungen
Unser Gespräch dreht sich auch um Themen wie Barrierefreiheit auf Reisen, die Präsenz des Behindertensports in den Medien und die Entwicklungen in den letzten drei Jahrzehnten ganz allgemein. Seine Grund-Aussage: vieles – oder vielmehr fast alles – sei besser geworden. Zu Beginn seiner Basketball-Karriere waren die Sportgeräte – also die Rollstühle – alles andere als adäquat für den Sport gewesen. Heute sind sie hingegen robust und wendig und bieten gute Voraussetzungen für die Ausübung des rasanten Sports. Bei anderen Sportarten haben sich die Sportgeräte ebenfalls enorm weiterentwickelt. Das Sportangebot insgesamt sowieso.

„Die Menschen sind gegenüber Menschen mit Behinderungen im großen und ganzen offener geworden“, konstatiert Leo. Im Kontakt mit den Medien ist das ebenfalls zu spüren. Schade ist jedenfalls, dass sich die großen Medien noch zu wenig für den Behindertensport interessieren. Aber das werde sich auch noch ändern!

Dank viel Sport und einer harmonischen Familie hat Leo sich sehr jung gehalten. Gedanken an die Pension? Da bleibt noch etwas Zeit. Derzeitiger Plan: Pensionsantritt mit frühestens 62 – also in 5 Jahren – vorher sind die „Abschläge einfach zu hoch“.

Untätig wird Leo aber wohl auch dann nicht bleiben und erzählt begeistert von bevorstehenden Sanierungsarbeiten an seinem Haus, von Gartenarbeit und Reiseplänen. Sein bester Freund hat vor einiger Zeit einen Wohnwagen gekauft. Außerdem hat er von wunderschönen barrierefreien Appartments in Kroatien gehört. Es gibt für die Familie Eckerl also noch vieles zu entdecken!

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